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Die Geschichte des Anderen kennen lernen – Israelis und Palästinenser

Solange die Palästinenser den Horror des Holocaust nicht verstehen und die Israelis nicht das Leiden der Palästinenser, wird es keine Versöhnung geben. 

Dan Bar-On

 

 

Das kleine Geschichtsbuch „Die Geschichte des Anderen kennen lernen – Israelis und Palästinenser“ für Schulen in Palästina und Israel wurde zum Ausgangspunkt für ein Begegnungsprojekt deutscher Jugendlichen mit Israelis und Palästinensern in der Konfliktregion Nahost.

Es beschreibt die israelische und palästinensische Geschichte des 20. Jahrhunderts aus den gegensätzlichen Perspektiven der beiden Konfliktparteien. Eine Spalte bildet die israelische Sicht auf die Ereignisse ab, eine andere die palästinensische Sicht. Zu denselben Fakten gibt es unterschiedliche Sichtweisen. Das Jahr 1948 etwa erinnern die Israelis als das Jahr der Staatsgründung und des Unabhängigkeitskriegs, für die Palästinenser ist es das Jahr der Katastrophe („al-Naqbah“) und Vertreibung aus ihrer Heimat.

 

Geschrieben wurde das außergewöhnliche Geschichtsbuch vom „Israelisch-Palästinensischen Friedensinstitut PRIME“ in Jerusalem, nachdem ihre Direktoren, der israelische Psychologe Dan Bar-On (1938-2008) und der palästinensische Pädagoge Sami Adwan feststellten, dass in israelischen und palästinensischen Geschichtsbücher die Erfahrungen und das Leid der jeweils anderen Seite nicht vorkommen. In den palästinensischen Büchern wird der Holocaust verschwiegen, in den israelischen das Trauma der Vertreibung der Palästinenser ignoriert. Geschichtsunterricht ist damit einseitig und darauf gerichtet, das Handeln der eigenen Seite zu rechtfertigen und das Bild des anderen zu verdunkeln.

Ein erster Schritt, Feindschaft zu überwinden, beginnt in den Köpfen und eine Verständigung damit, die Sichtweise des jeweils Anderen nachzuvollziehen, so Dan Bar-On und Sami Adwan.

Dieser Ansatz, keine Seite der Konfliktparteien zu favorisieren und die jeweilige Erzählsicht gelten zu lassen, so unterschiedlich und gegensätzlich sie auch sein mag, führte bei den deutschen Jugendlichen zu einem „Aha“-Erlebnis. Überrascht stellen sie fest, dass Geschichte eine Frage des Blickwinkels ist, aus der heraus sie erzählt wird, es eine geschichtliche Wahrheit, die von allen gleich gesehen wird, gar nicht gibt.

Der Weg durch Israel und das besetzte Westjordanland wird für die 16 bis 21- jährigen aus Münster und München eine Reise in zwei Wirklichkeiten. Begleitet werden sie von einer Israelin und einem Palästinenser, die beide das internationale Völkerrecht anerkennen und auf dieser Grundlage politisch zusammenarbeiten: Von Lotty, deren Eltern Überlebende des Holocaust sind, und von Ali, der als Kämpfer gegen die Besatzer jahrelang in israelischen Gefängnissen saß. Mit ihnen können die Jugendlichen über alles sprechen, was sie schockierte. Und über ihre Begleiter erleben sie, dass ein Frieden zwischen Israelis und Palästinensern möglich ist: Denn beide, Lotty und Ali, haben die Geschichte des jeweils Anderen verstanden – und ihre Feindschaft beendet. Mit dabei: der HipHop-Künstler ENZ, der seine Eindrücke während der Reise mit seinen „rhythm and rhymes“ wiedergibt:

Geschichte neu schreiben – Geschichte vereinen – verstehn – respektieren – was die anderen meinen – Geschichte neu schreiben – neue Wege beschreiten.

Stimmen der Jugendlichen nach ihrer Rückkehr

Manuel, 16 Jahre Ich finde, dass das Narrativ ein sinnvolles Fundament war, weil es sehr anschaulich aus zwei Perspektiven erklärt, wo eigentlich der Ursprung für diesem Konflikt liegt

Christopher, 17 Jahre Zum ersten Mal wurden mir durch „Das historische Narrativ des Anderen kennen lernen“ die Augen geöffnet. Da die Thematik in keiner Weise in der Schule oder nur sehr begrenzt im Fernsehen eine Rolle spielt, lernte ich an dieser Stelle erstmals über die historischen Hintergründe des Konflikts… Durch die persönliche Begegnung mit Opfern und Tätern, aber auch mit den beiden Kulturen wurde es uns ermöglicht, sich eine eigene Meinung zu bilden…

Roman, 16 Jahre Auf der Reise habe ich die unmittelbaren Auswirkungen der Politik auf des Leben der Menschen erlebt, was sonst nur abstraktes Wissen war… Das Leben in Palästina ist durch die vielen Checkpoints und Schikanen der israelischen Soldaten sehr hart…

Janine, 18 Jahre Im Gegensatz zu häufigen Medienberichten über Terroranschläge und Gewalt, sind wir Menschen begegnet, die mit gewaltfreiem Widerstand auf den Konflikt reagieren.

Yasmin, 21 Jahre Mir hat der Aufbau vom Narrativ sehr gut gefallen, auch mit dem Platz für eigene Anmerkung. Und mir hat es einfach nochmal sehr verdeutlicht, wie die andere Seite überhaupt nicht vorkommt in der Geschichte des Anderen, dass sie nicht existiert. Und wie wichtig es ist, eine Basis zu schaffen für eine Verständigung, zu wissen, dass es eine andere Sichtweise gibt, um seinen Blickwinkel zu erweitern

Das Projekt wurde von der Robert-Bosch-Stiftung, der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche in Bayern und vom Auswärtigen Amt gefördert. Schirmherr war Landesbischof Dr. Johannes Friedrich. Für die Bildungsarbeit  gibt es ein Medienpaket mit Filmdokumentation, ausgezeichnet mit dem „Gelben Daumen“ des Landesmedienzentrums BW. Prädikat „Geeignet für den Einsatz im Unterricht“.